Übermütig gestartet, lebenslang erinnert: Steinböcke, Suppe und ein Rettungsheli kopter
Mitti aus Südholland, Bauingenieur 40+
hiked2happy in Auvergne-Rhône-Alpes
Ich kenne Miguel aus meiner Studienzeit in Österreich. Ich zog von dort zuerst mit Beruf und dann aus Liebe in die Niederlande. Von meinem zu kleinen Urlaubskonto verwende ich etwa eine Woche für den Besuch der Heimat und Familie. Nach Drama im Elternhaus freute ich mich auf das Wandern in den französischen Alpen östlich von Grenoble. Die Anreise war lang aber nach Ankunft in Grenoble nahm er mich sofort in den Spirit, Funktionsweise und Welt eines Weitwanderers mit. In den Waschsalon um seinen gesamten Rucksackinhalt zu waschen. Wie schützt man sich vor Nacktheit während die gesamte Kleidung in der Waschmaschine ihre Runden dreht? Mit einem Regenponcho bei warmen trockenen Herbstwetter deckten wir uns im Supermarkt mit Proviant für die nächsten Tage ein. Er erzählte mir von einer komischen Begegnung vor 2 Nächten die in einer Marathonwanderung resultierte. Die Energie und Freude steckten mich rasch an.
In einem Aspekt war dies nicht gut denn ich legte ein zu schnelles Tempo vor was sich in 2 Tagen noch herausstellen wird. Nach tausenden Kilometern wandern war Miguel am ersten Wandertag steht´s hinter mir. Boah,… meine Zeit im Fitnessstudio machen mich fitter als den professionellen Wanderer.
Der Fokus vom Profi-Wanderer lag im Reden und Essen. Zusammen zauberten wir ein warmes drei Gänge Mittagessen inklusive Kaffee mit Milch aus dem Rucksack neben einem Brunnen eines französischen 25 Seelendorfs. Das letzte Dorf am Rande der Zivilisation den ab dort offenbarte der Berg seine Aussichten die ich aus dem Fitnessstudio nicht kannte.
In einer Hütte angekommen begann die dringend nötige Übernachtungspause für meine Beine und wie kratzten uns am Kopf über zwei junge Männer die ihre Räder plus Gepäck noch auf den nächsten Pass tragen wollten um sie von dort auf der anderen Seite wieder runter zu tragen. Und da war noch der Hüttenangestellte der sich uns aus seinem Leben und Zeugs das in ihm tief drinnen schlummerte erzählte. Ich war verwundert. Miguel sagte:“ Beim Weitwandern passiert mir sowas öfter. Es macht mich zugänglicher und dich auch, schon nach dem ersten Tag. Hast du gemerkt wie es ihm tut gut?“
Am Folgetag ein Steinbockrudel 50 Meter vor uns beim Chillen. Aussichten an denen ich mich nicht sattsehen konnte und Geröllfelder die sich mit Blockgelände abwechselten. Am Stepper im Fitnessstudio gibt es keine 60 Zentimeter hohen Stufen die dann manchmal auch noch wackeln. Genau dort wo der „Weg“ am anspruchsvollsten war ein Hubschreibereinsatz um einen Kletterer aus einer Wand zu holen. Ich fühlte mich mulmig. Schönheit und Verderben sind so nah beieinander. Mit dem mentalen Knick spührte ich dann die Erschöpfung meiner Beine doppelt so stark. Scheiße ich kann so nicht mehr weiter.
Ein paar Minuten weiter setzten wir uns hin. Miguel gab mir Wasser und Schokolade blickte in die Ferne und nach vier Minuten unterbrach er die schmatzende Stille mit: “Ich muss pinkeln.“ Wir lachten. Ach Mann, selbst weit über der Waldgrenze meiner Komfortzone brachte er mich zum Lachen. „Mitti, der nächste Pass braucht deine kräftigen Beine nicht zu sehen besser wir steigen ab. Bis zur Dunkelheit kommen wir mit sehr gemütlichen Tempo…“ Er dachte dabei sicher an Krüppeltempo. „..bis in den Talschluss. Dort gibt es einen Bach zum Trinken, Kochen, Waschen und vermutlich auch Flächen um im Zelt zu übernachten. So kannst du rasten um die letzten 2 Stunden zum Dorf mit Bushaltestelle nach 10 Stunden Schlafpause zu bewältigen. Nimm meine Stecken zur Entlastung der Beine und gib mir deine schwersten Dinger aus dem Rucksack.“
Nach unzähligen Gummibärchenstopps erreichten wir den Talschluss. Ich setzte mich hin und Miguel machte sich auf die Zeltplatzsuche. Kaum stand das Zelt wollte ich schlafen, ich war zu erschöpft zum Essen. Aber Nein, denn als ich mich für den Schlafsack fertig gemacht hatte reichte mir Miguel eine Suppe: “Deine Beine haben heute viel geleistet die haben Hunger“. Wir saßen dann noch ein Zeiterl beim Lagerfeuer. Ich schlief die Nacht durch.
Am Morgen beim Frühstück brauchte es keine Analyse der Beinverfassung. Es war sehr klar. Abbruch und in den nächsten Tagen den stärksten und längsten Muskelkater meines Lebens durchstehen. Stehen war nicht so schlimm aber aufstehen…
Ich möchte wieder mit Miguel wandern gehen. Wieso? Ein Erlebnis das ich nie vergessen werde es machte Spaß und fühlte sich gut an. Klingt komisch. Ist aber so. Dieses Gefühl möchte ich wieder haben und ich weiß, nächstes Mal bremse ich meine Übermotivation auf ein Durchhaltetempo.
Monate später empfing ich eine Nachricht: „Chi va piano, va sano e va lontano“
„Wer langsam geht, geht gesund und kommt weit“





