Übernachtung am Friedhof, Bären im Dixiklo und drei Tage die uns Gelassenheit lehrten

Übernachtung am Friedhof, Bären im Dixiklo und drei Tage die uns Gelassenheit lehrten

Marina aus Freiburg, Lehramtsstudentin und Robin aus Augsburg, Medizinstudent – beide Boulderer und am liebsten in den Bergen unterwegs – setzten sich in den Kopf: Von August bis Oktober 2025 zu Fuß von Kufstein bis nach Montenegro zu wandern.

hike2happy auf Via Dinarica, Kroatien

Nach über 30 Tagen hatten wir die Alpen und den Triglav-Nationalpark hinter uns gelassen, als wir Miguel, aus einer Abzweigung kommend, hinter uns erspähten. Wir befanden uns gerade in Kroatien, im vierten Land unserer Wanderung, auf den ersten Etappen des Weitwanderwegs Via Dinarica. Da Miguel einen verdächtig großen Rucksack mit sich trug, stellten wir ihm gleich die Frage: „Läufst du den auch? Seine Antwort: „Ich lauf´ den nicht. Ich gehe ihn.“ Mit diesen Worten gab er uns einen ersten Vorgeschmack darauf, was wir in den kommenden Tagen noch alles von ihm lernen sollten und schließlich auch ein Teil von uns wurde…

Verloren und suspekt
Gemeinsam liefen wir weiter, während aus der Straße erst Feldweg, dann Wanderweg und schließlich kein Weg wurde. Um dem Gestrüpp zu entkommen, folgten wir einem Bachbett, wobei wir immer weiter von unserer eingezeichneten Route abwichen. Miguel merkte an: „Ich bin mir nicht sicher,… -lange Pause- …ob wir uns verlaufen oder vergangen haben.“ Mit dieser tiefenentspannten Art brachte er etwas Leichtigkeit in die Runde. Zurück auf dem richtigen Weg erneut eine Weisheit: „Ich muss mich verbessern… Ihr habt einen Plan und ein Ziel, also habt IHR euch verlaufen. ICH stattdessen war an einem Ort ohne Weg, denn ich habe nur die IDEE nach Istanbul zu gehen.“. Er war uns echt ein wenig suspekt, was uns zugleich auch neugierig machte.

Robin und Marina
Wald und Weg
Wo ist der Weg?

Bären im Dixiklo
So kamen wir immer mehr ins Gespräch und tauschten Erfahrungen und Geschichten der letzten Wochen aus und sollten noch an diesem Tag von Miguel lernen, dass Kirchen und Friedhöfe ein idealer Übernachtungsspot sind. Wir entschieden uns neben einer Kapelle auf einem kleinen Berggipfel, unser Zelt aufzuschlagen. Dort gab es saubere Dixiklos und Trinkwasser. Marina machte sich am Abend über die mögliche Begegnung mit einem Bären Sorgen, während Miguel ahnte am Fuße des Bergs Steckdosen zu finden. Zurück bei der Kapelle berichtete er: „Ich habe keine Ahnung wieso, aber da unten gibt es tatsächlich Steckdosen. Zehn Meter neben den Dixiklos. Aja, Marina solltest du heute Nacht pinkeln wollen, bitte mach das im Busch. Ich habe zwei Bären ins Dixiklo gesperrt.“ Sein Humor versüßte uns den Abend und sorgte dafür, dass wir sogar das riesige Gewitter, das sich am gegenüberliegenden Berg entlud, beim Abendessen mit Gelächter und voller Freude genießen konnten, denn Miguel erklärte: „Wir sind hier und das Gewitter ist da drüben.“.

Wo ist der Weg?
Kapelle

Pilze änderten unseren Plan
Am nächsten Morgen entschieden wir uns ohne Miguel aufzubrechen, da wir noch einige Kilometer vor uns hatten. Weit kamen wir nicht, denn Unmengen an Pilzen am Wegesrand, die nur darauf warteten, gepflückt zu werden, hielten uns auf. Um es noch rechtzeitig zum Einkaufen zu schaffen, mussten wir mit flottem Tempo über den Asphalt laufen, worüber sich unsere Beine gar nicht freuten. Nachdem wir einen Eimer Joghurt mit Schokomüsli verdrückt hatten, verwarfen wir schnell unseren Plan, noch auf den Risnjak zu laufen und Miguel hinter uns zu lassen. Stattdessen suchten wir einen Friedhof auf, wuschen Kleidung in einem in eine Steinmauer eingelassenes Waschbecken und machten es uns anschließend auf der Mauer gemütlich.

Aus suspekt wurde angenehm
Am Abend riefen wir Miguel an und bestachen ihn mit den gesammelten Pilzen, noch die Stunde Fußweg bis zu uns zu kommen um mit uns Abend zu essen. Mit Essen ist Miguel leicht zu bestechen. Nachdem er eingetroffen war, zauberte er als Nachspeise noch ein Mousse au Chocolat. Bei heißer Schoki tauschten wir uns über die besten Wandergerichte, die man mit dem Campingkocher machen kann, aus und lernten uns besser kennen. Wir waren ganz stolz auf das Linsendal, das wir zu Hause dehydriert hatten und nun hunderte Kilometer durch die Gegend trugen, weil wir es für Etappen aufbewahren wollten, bei denen es keine Einkaufsmöglichkeiten gab. Miguel´s Stolz lag beim Camembertrisotto, das nun auch zu unserem Lieblingswandergericht werden sollte, denn Robin pimpte es noch mit Honig, Birne und Walnüssen. Auf Miguel´s Rat stellten wir heute mal keinen Wecker und schliefen im romantischen Licht der Friedhofskerzen ein.

später Morgen
Miguel mit Pilze bestechen
Camping am Friedhof

Verlorene Miguel kam mit Bären zurück
Am nächsten Morgen starteten wir gemeinsam in Richtung Risnjak Nationalpark, doch noch
vor dem Eingang haben wir Miguel verloren, da er es irgendwie geschafft hat in einem Hostel zum Frühstück eingeladen zu werden. Ab da an bestritten wir unsere Wanderung wieder ohne Miguel, doch blieben in stetigem Austausch mit ihm, sodass er UNS am nächsten Tag mit Abendessen in Fuzine bestach. Er kam uns ein Stück entgegen und brachte Essen mit, was wir bei einer Flasche Hidra am See Bajer verputzten. Marina reichte er mit ernster Stimme Softbärchen „damit du deine Angst vor Bären besiegst“.

Laut unserem Tagebuch verbrachten wir nur drei Tage mit Miguel – und doch fühlt es sich heute an, als wäre es weit mehr als eine Woche gewesen.

Angst vor Softbären?
Übernachtung am See
Höhle

Aus angenehm wurde Glück
Und ohne es zu merken veränderte die gemeinsame Zeit mit Miguel unsere Perspektive auf unsere Weitwanderung. Wir begannen uns nicht nur an Leistungen zu orientieren, sondern versuchten vielmehr uns treiben zu lassen, die Kulturen näher kennenzulernen und im Moment zu sein. Wir änderten unseren Plan, wenn uns etwas anderes viel mehr ansprach und etablierten Sätze wie „Es ist heute eine IDEE, auf den Gipfel zu kommen oder die 30km zu laufen.“ Von nun an waren wir auf einer Reise, bei der wir nicht nur ganz besondere Erfahrungen sammeln, sondern uns auch persönlich weiterentwickeln sollten.

Auch nach dem Abschied von Miguel behielten wir das Gelernte bei:

  • Pläne wurden zu Ideen.
  • Wir stellten keinen Wecker mehr.
  • Wir fanden schöne Dinger am Wegesrand und Steckdosen an komischen Orten.
  • Wir empfanden es gut, uns auf Veränderungen einzulassen.
  • Wir befolgten Empfehlungen der lokalen Menschen.
  • Wir besuchten eine Höhle, an der wir vorbeigingen. Da sie zu war, führte uns prompt eine lokale Kroatin zu einer, die nur die Leute aus der Ortschaft kannten.
  • Wir schlossen uns spontan einer 15-köpfigen kroatischen Wandergruppe an, weil die Stimmung einfach toll war.

Was haben wir uns bis heute zurück im Alltag mitgenommen?

  • Wir stellen uns ab und an gegenseitig die Frage: „Was würde Miguel jetzt tun?“
  • Gelassenheit; denn wenn es so kommt, dann ist es so gekommen und ich werde damit umgehen können.
  • In stressigen Alltagssituation finde ich Zuflucht in Erinnerung an die Weitwanderung.

Miguel können wir wieder mit dir wandern gehen?

Am Wegesrand
Am Wegesrand
Steckdose

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