Rückwärts neben Harry Prünster
Mitten im Dauerregen ziehe ich rückwärts den Nordalpenweg entlang und finde Zuflucht auf einer Alm, wo zwei Buben mich mit einer Jause und Ihrer Herzlichkeit versorgen.
Die Wetterlage
Am Nordalpenweg, zwischen Tennengebirge und Dachstein, erwischten mich Ende August 2023 einundzwanzig Stunden durchgehender Regen. Ich wusste, die Aussicht musste wunderbar sein, aber bei Schlechtwetter wird die Welt um einen kleiner. Man sieht oft nur wenige Meter weit und konzentriert sich auf den nächsten Schritt.
Unterstand gesucht: Eine Alm auf der Karte
Dann kam der Hunger. Ich wollte mir etwas Warmes zubereiten und dafür benötige ich einen Unterstand. Doch durch den Regen auf dem Handydisplay spielte die Karten‑App verrückt. Also beschloss ich, mit meinen eigenen Augen einen Unterstand zu suchen. Ich fand schließlich einen – gerade groß genug, um wenigstens das Handy vor dem Regen zu schützen – und entdeckte auf der Karte eine Alm, eine Stunde von meinem Standort entfernt. Das Kommentar dazu: „Die drei Sennerinnen bereiten köstliche Jausen.“ Das klang attraktiv. Da musste ich hin.
Bei den drei Sennerinnen
In den zwei Minuten Halt merkte ich, dass auch ein größerer Unterstand nichts geholfen hätte, denn ohne Bewegung wurde mir sofort kalt. Als ich ankam, standen die Kühe zwar im Stall, aber sonst war alles geschlossen. Neben der Eingangstür drückte ich Kopf und Hand an ein Fenster und sah zwei Buben am Küchentisch sitzen. Sie öffneten das Fenster, und einer sagte: „Heute haben wir zum ersten Mal in der Saison zu. Meine Eltern sind ins Tal zum Produzieren gefahren. Bei dem Sauwetter kommt keine Sau.“
„Ich bin keine Sau. Könnt ihr mir Käse verkaufen?“, fragte ich. Das Gespräch fand statt, während der Regen mir über die Augenbrauen in die Augen floss und ich vom Dachrinnenabfluss, der auf einen Gästetisch prasselte, seitlich nassgespritzt wurde. Nassgespritzt? Naja, nicht wirklich. Ich war schon nässer als Wasser. Die beiden zögerten, schauten in den Kühlschrank – und erbarmten sich. Sie öffneten mir die Tür. In diesem Moment fiel mir unbemerkt eine Gurke herunter.
Zwei Buben und…
Es waren der zehnjährige Sohn des Almpächters und sein Schulfreund, die auf der Alm geblieben waren, um die Kühe zu melken. Die beiden bereiteten mir eine Jause zu und waren begeistert von einem Weitwanderer, der bei diesem Wetter durch ganz Österreich geht. „Wie viel gehst du am Tag? Was isst du?“ Um meinen Sitzplatz herum bildete sich eine Pfütze. Über dem Sitzplatz eines Buben hing ein Foto von Harry Prünster. Der hatte die Alm einmal besucht, bevor die beiden geboren waren.
…Ihre Herzlichkeit
„Woher kommst du? Wohin gehst du?“, fragte einer.
„Das weiß ich gerade nicht, ich schaue dafür in diesem Wanderführer nach“, sagte ich, reichte ihnen den Führer und fügte hinzu: „Achtung, du musst das von hinten nach vorne lesen. Ich gehe das Ganze rückwärts.“
„Waaas? Du gehst das rückwärts?“
„Ja – aber ich weiß nicht, wieso.“
Die Guschpe
Obwohl die beiden alle fünf Minuten Holz in den Ofen nachlegten und es knapp 30 °C hatte, begann ich zu zittern. Zum Aufwärmen musste ich wohl wieder los in den Regen. Ich gab ihnen 10 € für die Jause, nahm den Rucksack, um den sich ebenfalls eine Pfütze gebildet hatte, und öffnete die Tür. Auf dem Fußabstreifer lag eine Gurke. Die beiden waren verwirrt und lachten. „Gerade eben haben wir ein Wort für Gurke erfunden – und jetzt liegt da plötzlich eine Guschpe!“
„Genial“, sagte ich. „Das ist auch für mich ein Zeichen: Ab jetzt ist dieses Gemüse eine Guschpe. Anfangs werden die Leute nicht verstehen, was ich meine, aber da ich durch ganz Österreich gehe, wird sich ‚Guschpe‘ eines Tages durchsetzen.“
Rückwärts weiter
Ich ging los. Rückwärts. Etwa fünf Minuten lang sah ich zwei Köpfe durchs Fenster auf mich blicken, bis ich hinter einer Kurve verschwunden war.
Monate später schickte ich der Alm eine Postkarte mit einem Foto, auf dem ich rückwärts an der Ortstafel ‚Wien‘ einwandere. Hängt die jetzt neben Harry Prünster?






