Loslassen statt Kilometer zählen: Unbeschwerte Tage mit Miguel auf La Palma

Loslassen statt Kilometer zählen: Unbeschwerte Tage mit Miguel auf La Palma

Hannes aus Wien, Anwalt 50+
hike2happy auf La Palma, kanarische Inseln

Nachricht an Hannes vor hike2happy:

Lieber Hannes

Das positive vorne weg, wandern mit Miguel macht richtig Spaß und ihr werdet tolle Tage haben. Da er doch ein paar Eigenheiten mit sich bringt, möchte ich gerne meine Erfahrungen mit dir teilen.

Erkenntnis 1: Miguel ist ein Morgenmuffel. Ist er über den Tag immer für einen Spaß aufgelegt, versteht er in der ersten halben Stunde nach dem Erwachen keinen Spaß. Gib ihm etwas Zeit und genieße selbst die Ruhe die der Moment bietet.

Erkenntnis 2: Packt er nach dem Frühstück seinen Rucksack, sei nicht überrascht wenn er in eine panische Suchaktion ausbricht. Er hat IMMER alles dabei, er weiß schlicht nicht mehr wo er es verräumt hat. Lass dich nicht davon anstecken, sondern gib ihm die Ruhe die er in diesem Moment selbst nicht aufbringen kann.

Erkenntnis 3: Seid ihr mit dem Wandern gestartet passe dich ihm an. Er läuft ein gemächliches, konstantes Tempo. So läufst du Höhenmeter um Höhenmeter ohne es wirklich zu spüren. Du wirst kaum Muskelkater bekommen und kannst die Zeit so richtig genießen. Überlasse ihm den Lead und du wirst den Wert davon irgendwann erkennen.

Erkenntnis 4: Einer der schönsten Charakterzüge von Miguel ist, dass er sehr gerne teilt. Alles was ihm gehört, gehört auch dir. Sei kein Ego und mach dasselbe auch bei ihm. Schokolade lässt sich schließlich auch nachkaufen.

Erkenntnis 5: Lasse die Tagesziele oder Kilometer los. Ergeben sich lustige Momente dann lass diese geschehen. Erreicht ihr dadurch das Tagesziel nicht, ist es nichts was in Erinnerung bleibt. Denkst du in fünf Jahren an eure Wanderung zurück sind es nicht die Kilometer die dich in Nostalgie schwelgen lassen. Aber die schönen, geselligen Momente die bleiben und tragen dich auch noch manchmal mit einem Schmunzeln durch den Alltag. Egal was du dir vorgenommen hast, erreichst du es nicht, ist es nicht von Bedeutung, von Bedeutung ist, den Moment auszukosten und das Leben zu leben.

Erkenntnis 6: Miguel mag es verehrt und gehuldigt zu werden. Keine Ahnung welche Lücke er da bei der Selbstliebe füllen möchte aber mach ihm den Gefallen. Jeder noch so coole Wanderer möchte Wertschätzung und Dankbarkeit erfahren. Sei ein Mann und denke es nicht nur sondern sprich es auch aus.

Erkenntnis 7: Miguel ist total überzeugt von seinem Equipment. Lass dich davon inspirieren, vergiss aber das kritische hinterfragen nicht. Nicht alles was er in den Himmel lobt und eisern daran festhält ist auch wirklich gut und sinnvoll.

Erkenntnis 8: Läuft er am Abend in einer Unterkunft frischfröhlich mit seiner bunten Pyjamahose umher, schäme dich nicht für ihn. Sei froh bist du mit jemandem unterwegs der sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Erkenntnis 9: Miguel hat kein besonders ästhetisches Auge. Auch wenn er es gerne möchte, fotografieren liegt ihm nicht besonders. Kannst du diese Lücke füllen, wird er sich freuen und falls er die Bilder Online stellt vergiss die Herzen zu verteilen nicht. Für euch Männer gibt es ganz absichtlich grüne Herzen.

Ich wünsche euch viel Spaß und sollte er dich auf ein Sidra einladen, lehne höflich ab. Egal wie cool man dieses Getränk eingießt es schmeckt einfach nicht. Außer du hast eine Verstopfung, aber wirklich nur dann kann dieses Getränk Sinn machen.

Liebe Grüße Jessica aka Bergziege

Nachricht von Hannes nach hike2happy:

Liebe Jessica,

vielen Dank für Deine Erkenntnisse über Miguel, die ich über weite Teile bestätigen kann. Ich habe die Zeit mit Miguel, und seine Unbeschwertheit, in das Abenteuer jedes neuen Tages ohne Zwang von Plänen einzutauchen, sehr genossen.

Obwohl ich dachte, dass ich ein Frühaufsteher bin, war Miguel insbesondere bei allen potentiell schönen Sonnenaufgängen (also jeden Tag) vor mir wach und aufgeregt, wie ein Kleinkind, das auf das Christkind wartet. Der Morgenmuffel kam erst ein wenig nach erledigtem Sonnenaufgang aber nicht störend hervor.

Ein hektisches Suchen gab es nicht, nur ein misstrauisches Wundern über den leeren Rucksack, wahrscheinlich da ich die Essensvorräte schneller beseitigt habe, als von ihm angenommen.

Die Tempowahl habe ich sehr rasch Miguel überlassen und hatte trotz vieler Höhenmeter nie einen Muskelkater. Die offenbarende Eigenschaft des Teilens kann ich bei Miguel bestätigen, wobei das Schokoladeteilen mit ihm zwar brüderlich erfolgte jedoch mit der Maßgabe, dass ich als der um vieles ältere „Bruder“ auch das um vieles größere Schokoladestück erhielt. Da Miguel mit meinem Süßigkeitsdrang bei weitem nicht mithalten konnte, war dies aber glaube ich auch für ihn kein Problem, sorgte ich ja auch regelmäßig für Schokoladennachschub.

Das Loslassen von jeder Planung war gewöhnungsbedürftig, vermittelte aber schnell das ultimative Gefühl von unmittelbarer Freiheit und ermöglichte uns z.B. eine sensationelle Übernachtung in einer abgelegenen Höhle mit wunderbarem Sternenblick und Meeresrauschen.

Ein Verehrungs- bzw. Huldigungsbedürfnis von Miguel habe ich so nicht erlebt, vielleicht aber weil die Rollenverteilung eine andere war. Ich der sonst meistens unter Strom stehende Anwalt, er der entspannte Profiwanderer.

Auch ich bin von seinem Equipment, insbesondere dem Campingherd begeistert. Wir haben sogar Mandel damit geröstet.

Miguel hat sich gewundert, wieso ich so viel fotografiert habe. Aber wenn ich zurück im Büro bin, dann ist es das oftmalige Ansehen der Fotos, das mich an diese wunderschöne Zeit zurückdenken lässt und die Seele wie bei der Wanderung frei baumeln lässt, was irrsinnig gut tut.

Deine Erkenntnisse haben mir sehr geholfen, und ich schätze mich sehr glücklich, dass ich diese Woche mit Miguel teilen konnte und hoffe, wieder einmal die Gelegenheit dazu zu bekommen.

Unbekannterweise viele Grüße und viel Spaß und Erfolg beim Zelten unter wohl weit null Grad.

Hannes

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