Allein unterwegs, plötzlich bereichert: Der schönste Tag auf dem GR11
Jessica aus Graubünden, Konditormeisterin 30+
hike2happy am GR11 in den Pyrenäen
Ich war im Aufstieg zu der Capanna Corona. Die Capanna Corona ist eine kleine Selbstversorger Hütte auf dem GR11. Es regnete stark und ich freute mich darauf bald am warmen Feuer zu sitzen und meine Ausrüstung zu trocknen.
Der GR 11 war ein Weitwanderweg den ich nur für mich selbst gehen wollte. Keine Kompromisse, keine Rücksichtnahme, keine Gesellschaft, nur ich, der Weg und die Pyrenäen. Ziemlich genau die Hälfte des Weges hatte ich bereits geschafft.
Bei der Hütte angekommen traf mich fast der Schlag, die Hütte war voll. Nach einigen Gesprächen war mir klar es waren alles Bergsteiger die am folgenden Tag den Aneto besteigen wollten.
Aneto ist der höchste Berg in den Pyrenäen und die Hütte ein beliebter Startpunkt. Da ich ohne Rother Wanderführer lief, wusste ich das nicht und war plötzlich mit einer völlig anderen Situation konfrontiert als ich erwartet habe. Die Hütte voll von männlichen Bergsteiger und ich einzige Wanderin. Ich fühlte mich das erste Mal einsam.
Ich zog mich schnell an meinen Schlafplatz zurück und hörte einen Podcast. Bald schlief ich ein und hörte im Halbschlaf Leute kommen und gehen. Die Bergsteiger waren früh weg und ich dachte ich hätte endlich die Hütte für mich.
Als ich aus meinem Schlafplatz kroch entdeckte ich jemanden hinter dem Tisch am Boden schlafen. Wann kam der daher? Ich packte meine Sachen und verzog mich fürs Frühstück nach draußen. Der Regen hatte sich in der Nacht zu Schnee verwandelt und es war ziemlich kalt. Trotzdem liebte ich diesen Moment alleine draußen in der Natur.
Plötzlich stand Miguel mit seinem Weihnachtspyjama vor mir. Naja Humor hat er, habe ich mir gedacht. Wir wechselten ein paar Worte und ich zog weiter. Miguel war wie ich auf dem GR 11 unterwegs und aus Österreich. Mich hat er an den vielen Kleidern der Marke Mamut direkt als Schweizer entlarvt.
Ich zog weiter und auf dem nächsten Übergang war Miguel schon nahe aufgeschlossen. Ich entschloss mich dazu, auf ihn zu warten. Ich weiß nicht warum aber ich tat es. Wir beschlossen beim nächsten bewirteten Refugio miteinander Mittag zu essen.
Ich mochte die Art und Weise wie er mich Dinge fragte. Obwohl es im Inhalt dieselben Fragen waren, die jeder andere auch fragte (hast du keine Angst alleine als Frau, was hast du alles mit dabei usw.) fühlte es sich bei Miguel nie so an als würde er es mir nicht zutrauen. Das führte dazu das ich mich öffnete. Wir wanderten den ganzen Tag zusammen, badeten in Unterwäsche in einem gefrorenen Bergsee und beendeten den Tag mit einer Flasche Sidra (spanischer Apfelwein, schmeckt schrecklich, lasst die Finger davon).
Ich schlief mit dem Gefühl ein das ich einer der schönsten Tage auf dem GR 11 erlebt hatte und das die richtige Gesellschaft doch einfach nur bereichernd sein kann.
Wir wanderten immer mal wieder ein bisschen mit einander, Manchmal hatte Miguel etwas Vorsprung manchmal holte ich ihn wieder ein. Wir waren im ständigen Austausch und lernten viel voneinander. Ich erzählte Miguel viel aus meiner Kindheit, obwohl ich der Annahme war diese Dinge schon längst hinter mir gelassen zu haben. Ich hörte gerne seinen Wandergeschichten zu und es entstand eine tiefe, ehrliche, wohlwollende Wanderfreundschaft um die ich auch jetzt noch sehr, sehr dankbar bin.
Mit Miguel unterwegs zu sein ist nicht nur lustig es ist auch ein eintauchen in seine eigenen Gefühle, sein Blickwinkel lässt dich Dinge anders sehen und wahrnehmen. Er ist einfach ein guter Mensch mit dem Herzen am rechten Fleck, der sein Leben lebt und den Moment genießt, lass dich mit ihm treiben, man kommt immer an, egal wie lange es dauert.


