Eine Begegnung am Jakobsweg — Regen, Vertrauen, Vorankommen
hike2happy auf dem Jakobsweg, Camino del Norte
Stundenlang regnete es schon und die Aussicht war: es wird schlechter. Als Psychotherapeutin war ich mir meiner Bedürfnisse bewusst. Mit jemand anderem wird die schwierige Lage leichter. Ich kreuzte auf die andere Straßenseite, sprach einen großen schlanken Mann an: „Kann ich mit dir mitgehen?“ Er antwortete: „Das kalte Wasser, das mir den Rücken durch die Arschritze bis an die Zehe herabfließt, wird zusammen gehend nicht trocknen, aber es tritt in den Hintergrund.“
Gespräche statt Regenfokus
So war es auch. Statt unsere Gedanken beim Thema Regen vertieft zu haben, gingen unsere Gespräche ums Kennenlernen, um tiefes Zeug, das, was uns ausmacht, und das, woran wir arbeiten. Mit dieser Begegnung am Jakobsweg bekam ich mit Miguel einen Partner, bei dem beide abwechselnd die Rolle des zuhörenden ‚Psychotherapeuten‘ einnahmen.
Vom Small Talk zu tiefen Themen
Am Jakobsweg geht es mit vielen gleich im zweiten Satz vom Small Talk zu: „Wieso gehst du den Jakobsweg?“ Mit Miguel floss das Gespräch viel natürlicher von Erzählungen und Erfahrungen zu deep stuff, und sein Humor fürs Ernsthafte und Oberflächliche bewirkte in mir eine Leichtigkeit, die sich bis auf die müden Beine auswirkte. Warum fand ich mich gerade bei ihm so gut aufgehoben?
Improvisation statt Plan
Er lebte, und ich spürte: man braucht keinen Plan, es ist gut zu improvisieren. Es ist besser, im Moment zu bleiben, ihn passieren zu lassen, zu beobachten und zu reagieren. Ich kann die Umgebung nicht kontrollieren, aber ich kann an mir selbst arbeiten. Den Kontakt mit sich selbst pflegt man mit der Frage: Was passiert gerade und was brauche ich jetzt? Manchmal sperrt ein Plan einen in einen Käfig. Ich brauche etwas, aber ich hatte schon einen anderen Plan und übergehe mein Bedürfnis.
Aufmerksam unterwegs sein
Ohne es zu merken, blieben beim Wandern mit Miguel meine Gedanken immer wieder stehen, ich realisierte, was ich brauchte, und tat es dann auch. Mal einen Kaffee, dann einen Snack, dort ein Gespräch, daneben Stille.
Trockene Füße? Nicht heute
Mein Wunsch nach trockenen Füßen verging — der war gerade nicht erfüllbar. Und wo übernachte ich heute? Das konnte Miguel auch nicht genau beantworten. Er sagte: „In dieser Herberge wird heute übereinander geschlafen. Laut Karte kommen jetzt zwei Stunden Waldweg. Wenn wir da durch sind, finden wir in der Ortschaft etwas Trockenes und Besseres.“
Übernachtungsoptionen
„Ist dort nicht auch alles voll?“ — „Gut möglich, aber potenzielle Schlafplätze mit Dach hat der Ort einige. Kirche, Kapelle, Spielplatz, Gastgarten und Gemeindezentrum erlauben uns eine bessere Nacht. Oder hast du Lust auf eine immersive, alle Sinne umfassende Schnarch- und Furzoper in der überfüllten Herberge? Gut, dass alle dorthin wollen, so haben wir die anderen Optionen für uns allein.“ Ich vertraute der Ruhe und Erfahrung, die er ausstrahlte, ich fühlte mich sicher, und wir stapften im Regen weiter.
Lebensgeschichten unterwegs
In diesem Jahr hatte er schon 800 Kilometer Alpen in den Beinen, und im vorhergehenden Jahr die Pflege in den letzten Lebensmonaten seines Vaters, Alkoholsucht und Scheidung von seiner Frau und ihr neuer Partner, der sie schlug. Mit dem Wandern kam er gestärkt hervor, und die Erzählungen aus dieser Zeit erinnerten mich: Nach jedem Schlechtwetter kommt wieder etwas Schönes, und bis dahin und daraufhin macht mir meine eigene Einstellung das Leben leichter.
Gehen verändert die Landschaft und den Kopf
Im Gehen ändert sich mit der Zeit die Landschaft der Umgebung und mit dieser auch die Landschaft im Kopf. Durchs Gehen flüchtet man vor keinem Problem. Es kommt mit, aber du bringst es an eine andere Stelle; es verlässt für eine Weile deine Gedanken und kommt an einem neuen Ort, dieses Mal auf der Seite liegend, wieder zurück. Du erfährst neue Perspektiven, und diese neuen Perspektiven bringen dich auf neue Wege und Lösungen, die dir vorher noch nie in den Sinn kamen.
Übernachtung im Pfarrhof..
Diese Nacht schliefen wir in der Garage des Pfarrhofs, mit Matratze und Dusche, und am Morgen weckte uns der Chor der Morgenmesse.
..und dann kam Disney
Am nächsten Tag führte uns die Route über einen Strand. Ich sang Disney-Lieder aus meiner Kindheit. Seit 20 Jahren hat mich keiner so etwas singen hören. Ich fühlte mich danach.








