Auszeit am Jakobsweg?
Du träumst vom Jakobsweg, um eine Reise zu dir selbst zu machen? Dreimal ging ich je mehr als 800km auf verschiedenen Jakobswegen. Mein Fazit, ich gehe keinen Jakobsweg mehr.
Selbst in der Zwischensaison, wenn weniger los sein sollte, wird es immer schwieriger, diese innere Ruhe zu finden.
Der Weg gibt dir die Chance, mit dir zu sein, Freiheit zu spüren und mit wenig auszukommen. Du sprichst plötzlich mit Wildfremden darüber, warum du hier bist, öffnest dein Herz und erzählst von Dingen, die sonst niemand kennt.
Aber diese Momente sind zu kurz. Mehrmals täglich reißt dich die Realität aus deinen Gedanken, denn in den Ortschaften werden Pilger zu Konkurrenten – vor allem, wenn es um den nächsten Schlafplatz geht.
Der Weg wird zu einem Wettlauf um die nächste Unterkunft. Dein Wecker klingelt vorm Sonnenaufgang, und die erste Frage ist nicht „Wie fühle ich mich?“, sondern: „Bin ich früh genug dran, um ein Bett zu bekommen?“
Ab Mittag ist der Weg wie leergefegt. Du bist losgehetzt, nur um dann acht Stunden in der Herberge herumzusitzen und auf den Sonnenuntergang und der Schlafenszeit zu warten. Andere nutzen diese „Freizeit“, um sich am Handy den nächsten Stress zu machen: die Unterkunft für übermorgen buchen. Dabei wissen sie noch nicht einmal, wie weit ihre Füße sie morgen tragen wollen.
Du verlierst die Freiheit, im Moment zu sein.
Die ständige Angst, keinen Schlafplatz zu finden, bestimmt deinen Tag. Du hängst dich an ein Ziel, das du dir vor Tagen ausgedacht hast. Du möchtest gerne
- … länger mit einem netten Mitpilger wandern, weil ihr einen tollen Rhythmus gefunden habt.
- … eine kürzere Etappe gehen, weil dein Körper eine Pause braucht oder das Wetter schlecht ist.
Was passiert stattdessen? Leute nehmen heimlich ein Taxi, um ihr gebuchtes Bett zu erreichen. Oder sie sitzen ab der spanischen Mittagszeit herum und suchen Beschäftigung. Du triffst aus einer gefühlten Not heraus Entscheidungen für deine Reise in zwei Tagen und vergisst dabei völlig, auf deinen Körper und dein Herz zu hören.
Und je näher du Santiago kommst, desto mehr wird der Weg zur Party. Eine Reise zu dir selbst? Die findet dort für die wenigsten statt.
„Der Jakobsweg eine Reise zu sich. Er gibt dir nicht was du suchst sondern was du brauchst.“ Trifft heute vielleicht im Jänner zu den von Frühling bis Herbst, wenn die Herbergen öffnen fühlt sich der Jakobsweg oft an wie ein Erasmus-Semester. Bei beiden lernst du viele Leute kennen, hast eine gute Zeit und begegnest Männer auf Partnersuche. Suchst du ein soziales Erlebnis dann ist der Jakobsweg das richtige für dich.
Mein Rat war bisher:
- Geh allein los. Du wirst dich selbst und andere viel intensiver erleben.
- Starte so weit weg von Santiago wie möglich. Dort findest du eher ein Ambiente passend zur ursprünglichen Essenz des Jakobsweges.
Heute Frage ich dich:
Warum nicht deinen eignen Weg gehen? Einen der wie du und dein Lebensweg einzigartig ist.





